Mit einem angenehmen Kloß im Bauch in ein großes Bett (taz)

IMAGINÄRER SOUNDTRACK Malakoff Kowalski veröffentlicht sein Debütalbum „Kill Your Babies“

Achtung, hier kommt das Denkerfalten-Kompaktpaket. Leicht subversiv, aber doch eher Overground. Altmodisch und gleichzeitig am Zahn der Zeit. Ein Soundtrack zu einem Film, den es noch gar nicht gibt. Jedenfalls noch nicht. Der Künstler nennt sich Malakoff Kowalski, ein Name, der nach Kohlenstaub riecht, genauso gut aber auch einem Literaturkritiker gehören könnte.
Immerhin, für dessen Debütsoloalbum „Kill Your Babies“ hat Daniel Richter das Covergemälte beigesteuert. Bei den Kompositionen hat der Filmemacher Klaus Lemke ein bisschen unter die Arme gegriffen, und die Linernotes, verfasst von Maxim Biller, schwärmen von Malakoff Kowalski in höchsten Tönen. All das passt perfekt zusammen, sieht toll aus und, ja, Billers Eloge liest sich einfühlsam ummantelt die Musik fürsorglich.
Doch irgendwie drängt sich der Gedanke auf, dass dieser Enthusiasmus der künstlerischen Avantgarde ein bisschen zu schlau ausgedacht ist. Am liebsten will man diese ultraperfekte Mentoren-Zusammenballung erst einmal abkratzen, da sie sich ein Leichtes tut, uns zu blenden. Denn was ist die Musik eigentlich ohne den marktschreierischen Titel und die Prominenz in der zweiten Reihe?
Nun ja, „Kill Your Babies“, der punkige Albumtitel will gar nicht so richtig zu den schüchternen Klängen passen. Keine verzerrten Gitarren, keine dröhnenden Verstärker, kein Schlagzeugeklopfe, statt dessen Ruhe.
Das Leise darf hier im Vordergrund stehen: Pfeifen, Fingerschnipsen, das Rauschen bei der Bandmaschine. „Filmscore For An Unknown Picture“ so informiert der Untertitel. Es fällt gar nicht auf, dass der Gesang fehlt, dass dieser ominöse Film keine Titelmelodie mit catchy Hookslines zum Mitklatschen hat. Gleich beim Auftaktsong ein Cello die Hörer an die Hand und führt sie zum Stuhl, drückt ihnen die angespannten Schultern herunter und schenkt den geplagten Großstadtseelen die Lust am Anachronismus. Knapp 31 Minuten wundervolle Klangfragmente folgen. Die melancholisch-schwelgerische Klaviermelodie „Autumn in Berlin“ sowie „Back From The Gypsys“: Piano, Akkordeon und ein Gitarrenspiel, bei dem mehr das Rutschen der Finger über die Seiten als die Klänge im Vordergrund stehen, entführen zu einem Spaziergang über den Montmartre am Sonntagvormittag. „I think of you“ ist der einzige Song mit Stimme. Ein zaghaftes „Dududu“, das Gainsbourg und Birkin auf ihrem Sofa zu improvisieren scheinen. Wie ein intimer Engtanzmoment doppeln sich Cello und Klavier bei „Chez Suzy – Sanz Toi“ und zum Finale entlässt der cheesy anmutende Titeltrack die Melancholie wie ein gelber Renault 16 auf dem Weg in den Sonnenuntergang.
Malakoff Kowalski der in Wahrheit anders und als Sohn persischer Eltern in Hamburg aufwuchs, war früher Teil des Elektropop-Duos Jansen & Kowalski, die ein Album die EMI veröffentlicht haben. Solo zelebriert er das Skizzenhafte an seiner Musik. Insgesamt möbliert „Kill Your Babies“ eher einzelne Szenen als einen fertigen Film. Er präsentiert melancholische, anrührende Sequenzen, die zu Herzen gehen. Manche schweben wie Luftballons einem sepiafarbenen Himmel entgegen, andere sind wie glückliche Paare aus einer anderen Zeit, Frauen mit Kompotthütchen, Männer mit Hochwasser-Bügelfaltenhosen flanierend in einem Stadtpark.
Statt einer 70-Minuten-Ode gibt es versteckte, kleine Liebesbotschaften, die wie das Herbstlaub von den Bäumen fallen. „Kill Your Babies“ lässt aber hoffen, dass der große Film tatsächlich bald verwirklicht wird. Bis dahin zieht die Musik das Unfertige und Sehnsuchtsvolle weiter mit sich herum. Wenn man so will, ein klassisches Album zu Rotwein und einsamen Abenden, nach denen man sich mit einem angenehmen Kloß im Bauch allein in ein großes Bett legt.
Und noch einmal zurück zum Namedropping: Monsieur Kowalski wirkt als Darsteller und Komponist bei dem Theaterstück „Assassinate Assange“ im Hamburger Kampnagel mit, das unter der Regie von Angela Richter, der Frau von Daniel Richter, ab Donnerstag zu sehen ist.